Angelina Schmücker – Vom Ruhrgebiet nach Rheinhessen

12. April 2017 von Frank, Deutschland, Kommentare deaktiviert für Angelina Schmücker – Vom Ruhrgebiet nach Rheinhessen

Dieses Jahr waren wir auf der ProWein beim Blogger-Treffen von Gipsy-Wines. Neben Winepunk, Niepoort und Hammel gab es noch eine weitere schöne Überraschung für uns. Eine Winzerin aus dem Ruhrgebiet, genauer aus Westhofen bei Schwerte. Das hatten wir bis dato noch nicht gehört und wir waren entsprechend neugierig auf ihre Weine und haben uns danach zum Interview verabredet.

Angelina Schmücker kam als Jugendliche mit ihren Eltern nach Rheinhessen / Essenheim und verliebte sich dort in die Rheinhessische Lebensart: Herzlich und immer was gutes zum Essen und einen Weinschoppen auf den Tisch. Während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau half sie einem befreundeten Winzer in seinen Weinbergen und machte dort die Erfahrung, dass es auch ohne eigenen Familienbetrieb im Rücken möglich ist, das Winzerhandwerk zu erlernen. Inspiriert davon begann Sie eine Ausbildung zur Winzerin und ging nach Geisenheim um Weinbau und Oenologie zu studieren.

Nach ihrer Zeit als rheinhessische Weinprinzessin gründete die Weinbau-Studentin die Eventagentur „Weinstil“ und organisierte kulinarische Erlebnistouren in ihrer Wahlheimat (Virus Wein trifft Essenheim). Mit ihrer Agentur organisiert sie auch offene Veranstaltungen und darüber hinaus ist sie auch regelmäßig in ihrer alten Heimat Schwerte und kooperiert dort mit dem Kulturzentrum „Alten Rohrmeisterei“ und bringt so den rheinhessischen Wein ins Ruhrgebiet.

Nun also die ersten eigenen Weine bei Gipsy Wines auf der ProWein. Das Lesegut stammt vom Weingut Johanninger, wo auch die Weine gekeltert wurden.

Verkostungsnotiz: Angelina Schmücker – Verschnittsche

Die Cuvee besteht aus Müller-Thurgau, Silvaner und Sauvignon Blanc. Im Interview unten könnt ihr das genaue Mischungsverhältnis nachlesen.
Blasses Goldgelb mit leichter Moussierung. In der Nase frische, weissblütige florale Noten, trockendes Heu und etwas Muskatnuss. Am Gaumen leicht, schlank, trinkig und kühl, mit einer reduzierten Frucht mit einem Hauch Minze, etwas Apfel und Zitrone. Sehr weiche, glatte Textur mit mineralischer Länge. Die Säure ist animierend und steht im rechten Verhältniss. Mit der Zeit wird er runder und stimmiger, obwohl er nach dem Öffnen direkt bereit steht. Ein guter Sommerwein der Spass macht.

Verkostungsnotiz: Angelina Schmücker – Müller-Thurgau

Die Farbe etwas satter, sowie auch der Duft. Leicht parfümiert nach weißen Blüten mit etwas Würze. Saftiges Mundgefühl, schlank und elegant mit mittlerem Körper. In der Frucht etwas Kernobst. Das Finale mineralisch frisch mit einer schönen Stilistik. Gute Länge mit Stein, etwas Muskatnuss und einer feinen Süße und mehr Säure als das Cuveé. Mehr Luft -> mehr Druck, aber auch mehr Säure. Für einen Riesling-Fan ist Müller-Thurgau etwas ungewohnt, aber dieser ist gut.

Das Etiketten-Design beider Weine gefällt mir gut. Nur vermisse ich darauf die Angabe des Jahrgangs.

Interview mit Angelina

In welchem Alter bist du nach Rheinhessen gezogen und wie war die Umstellung für dich?
Ich bin mit 13 nach Rheinhessen gezogen und fand es da auch erstmal gar nicht so cool. Es waren Sommerferien und ich hab mich geweigert mit meinen Eltern auch nur noch ein Wort zu reden. Rausgelockt aus meinem Zimmer hat mich meine Mama dann damit, dass sie mir endlich Reitstunden zahlen wollten. Bis ich umgezogen bin, habe ich mir meine Reitstunden durch Stall ausmisten und saubermachen finanziert. Somit war das für mich natürlich ein gutes Lockmittel und ich bin auch draußen rumgekommen.

Wie lange hast du gebraucht um dich einzuleben und was hat dich besonders fasziniert?
Da ich nie wirklich schüchtern war, ist es mir leicht gefallen neue Leute kennenzulernen. In der Schule war die größte Umstellung für mich die Sprache. Meine Mitschüler fanden es lustig, dass ich Anspitzer gesagt habe, anstatt wie hier in Rheinhessen Spitzer oder wenn ich zum Beispie einen grünen Stift von jemandem habe wollte, dann heißt das hier „ Kann ich mal bitte die grün haben?“, was für mich überhaupt keinen Sinn ergab, oder gegrüßt hat man mit „Oh“, das musste ich auch erstmal verstehen und hab am Anfang immer gedacht, irgendwas wäre passiert. Schnell bin ich dann mit meinen Eltern auch in die erste Straußwirtschaft bei uns direkt um die Ecke gegangen und hab mich direkt super Wohl gefühlt. Mich hat es fasziniert, dass alle zusammen an einem Tisch gesessen haben, egal ob man sich kennt oder nicht und dass man sich über alles mögliche unterhalten hat. Das Essen war auch super, wie bei Oma Zuhause. Ich kann mich auch noch genau an meine erste Fahrt nach Rheinhessen erinnern, da sah ich zum ersten Mal Weinreben. Vorher habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wo Weintrauben wachsen und mein Papa musste mir das erstmal erklären. Und so kam es dann auch, dass ich irgendwann bei dem Winzer von besagter Straußwirtschaft geholfen habe, erst beim kellnern und dann auch in den Weinbergen.

Wie kam es das du Weinprinzessin wurdest und was ist der Unterschied zur Weinkönigin?
Weinprinzessin, ja wie kam ich darauf! Ich habe ja in Geisenheim Weinbau studiert und meine Winzerausbildung gemacht, wusste aber dass ich dadurch, dass ich keinen Familienbetrieb habe irgendwie ein Netzwerk aufbauen musste und so entschied ich mich zur Wahl der Weinkönigin von Rheinhessen. Wir waren sechs Mädels die gegeneinander angetreten sind. Es begann mit einem Vorbereitungsjahr, in dem hatte man Rhetorik- Schulungen, Stilberatung und Touren durch Rheinhessen um die Geschichte zu erlernen und zu erleben. Bei der Wahl selber, hatten wir Nachmittags eine Fachbefragung, vor der 30 köpfigen Jury. Dort wurden uns Fragen aus den Bereichen, Weinbau, Kellertechnik, Marketing und Touristik gestellt. Der Touristikbereich war komplett in Englisch. Abends gab es eine Gala Veranstaltung, vor 1500 Zuschauern. Wir mussten einen Wein vorstellen, eine Rede aus dem Stegreif halten, es wurde ein kleiner Film über unser Leben gezeigt, wir wurden Interviewt und danach hat die Jury gewählt. Zwei sind leider ausgeschieden und dann gab es eine Königin und 3 Prinzessinnen. Der Unterschied ist einfach der dass, die Königin eigentlich über der Prinzessin steht. Das war oder ist eigentlich so, da normalerweise niemand bei so einer Wahl ausscheiden kann und jeder eine Krone bekommt. Unsere Wahl war die erste bei der zwei Leute ausgeschieden sind. Und ich war natürlich etwas besonderes:  aus dem Ruhrgebiet, keinen eigener Betrieb und niemand kannte mich. Aber ich bin trotzdem weitergekommen.

Wie ist dein Cuveé genau gemischt?
Meine Cuvèe besteht aus 62 % Müller-Thurgau, 35 % Silvaner und 3 % Sauvignon.

Hast du mal drüber nachgedacht einen Riesling zu machen und wenn ja wo?
Nein, ausschließen würde ich es natürlich nicht, geplant habe ich es nicht. Ich werde nächstes Jahr – wenn alles gut läuft – noch einen Grauburgunder machen.

Welche Weine trinkst du selbst gern?
Da bin ich eigentlich gar nicht so festgelegt. Da es meine Leidenschaft ist trinke ich vieles gerne. Im Alltag, sprich Abends beim Feierabendwein, mag ich es gerne unkompliziert frisch und „Easy-Drinking“. Ich habe auch Spaß an schweren Weinen, die nicht unkompliziert sind und die anders sind. Im Sommer weiß, im Winter mehr rot. Oder im Sommer einen schönen fruchtigen Roten gekühlt. Ich trinke am liebsten trocken und mag es, wenn Weine und Winzer einfach authentisch sind. Auch auf Anbaugebiet oder Region bin ich nicht festgelegt. Einmal um die Welt. Ich denke als Winzer ist man immer neugierig, was die Kollegen machen und was es alles so gibt.

Welcher Winzer beeindruckt/inspiriert dich?
Stark geprägt bin ich von Ulrich Wagner von dem Weingut Wagner in Essenheim, da ich dort gelernt habe. Mein erstes Jahr der Ausbildung habe ich beim Schlossgut Diel an der Nahe gemacht und bin dann zum Wagner gegangen. Dort habe ich mein Handwerk erlernt und bin sehr dankbar über die Ruhe und Muse die Uli in meine Ausbildung gesteckt hat und mit welcher Ruhe er sein Handwerk ausübt. Ebenso hat mir die Arbeit mit Oliver Herzer von Johanninger viel Spaß gemacht, seine Erfahrung im ökologischen Weinbau und der fachliche Austausch waren und sind eine große Bereicherung für uns gewesen.

Ich bin fasziniert von Peter Jakob Kuhn, durch seinen biodynamischen Ausbau schafft er es seinen Weinen ein unglaubliches Aromenspektrum zu geben. Ich bin begeistern von Weingut Werther-Windisch, da bin ich zwar auch etwas beeinflusst, weil es mein bester Freund ist, aber ich bin begeistert, da er Einzelkämpfer ist und seinen Weg geht, mit Silvaner ist es ein bisschen so wie mit Müller. Gefühlt will die ganze Welt Riesling trinken oder Sauvignon blanc. Wenn man sich dann für Silvaner oder Müller entscheidet, hat man es als Winzerin vielleicht ein klein bisschen schwieriger, weil man mehr reden und den Leuten erstmal klar machen muss, dass gerade diese Rebsorten in Rheinhessen ziemlich geil sein können.

Mit welchem Winzer würdest du gern mal projektweise zusammen arbeiten?
Puh, da kann ich mich nicht festlegen. Die Frage ist ja auch, welcher Winzer würde gerne mal mit mir zusammenarbeiten. Nein, Spaß bei Seite. Für mich ist Wein machen Leidenschaft und Passion, da muss es einfach passen. Die Einstellungen und die Philosophie müssen zusammenpassen. Für mich ist Wein ein absolutes Naturprodukt und kein Designprodukt. Deshalb ist es auch so gut und so toll, dass ich beim Weingut Johanninger meinen Wein machen kann. Es ist nicht selbstverständlich das sowas funktioniert, da es einfach passen muss. Deshalb, ich bin für alles offen, solange es passt.

Wohin geht die Reise? Welche Ziele hast du?
Mein größtes Ziel ist es mein eigenes Weingut zu haben. Sprich meinen eigenen Keller und meine eigenen Weinberge, der Weg ist nicht leicht aber die ersten Schritte bin ich ja mit meinem ersten Jahrgang gegangen. Kurzfristige Ziele, mich etablieren und nächstes Jahr ein bisschen mehr Wein machen. Schön wäre es wenn irgendwann in den Köpfen wäre, Angelina Schmücker, dass ist doch die, die guten Müller macht.

 
Vielen Dank für das Interview

Angelina Schmücker - Müller-Thurgau

TypWeisswein
WeingutAngelina Schmücker
LandDeutschland
RegionRheinhessen
Rebsorte(n)Müller-Thurgau
Liter0.75l
VerschlussSchraubverschluss
Alkohol12,5%
Lagerfähigkeit2-4 Jahre
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